Interview mit Friederike Brüggemann über Wilhelm Macke. Das Interview führte H. Paul am 4. Juli 2013 in Linz

hp

Liebe Frau Brüggemann, danke dass Sie sich Zeit nehmen, um über Macke zu sprechen. Sie kannten ihn ja von allen jetzt lebenden Personen am besten

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Ja, das stimmt allerdings.

hp

Stimmt es, dass Sie Macke als seine Studentin in Dresden kennengelernt haben?

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Ja, das stimmt. Ich saß in der Vorlesung, da sah mich Macke plötzlich an – und unterbrach mitten im Satz.

hp

Und wann haben Sie geheiratet?

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Etwa ein halbes Jahr später, das war 1958, zu Beginn des Studienjahres.

hp

Macke hatte ja große Aufbauarbeit in Dresden zu leisten

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Ja, die Aufbauarbeit bestand in der Gründung der Fakultät für Kerntechnik als Gründungsdekan. Weiters in der Wiederbelebung eines Institutes für Theoretische Physik im Rahmen der Naturwissenschaftlichen Fakultät.

hp

Aber gleichzeitig schrieb er sein großes Werk über theoretische Physik. Wann war das?

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Die sechs Bücher kamen in den Jahren 1958 bis 1963 heraus, und sie verkauften sich gut.

hp

Wann begannen Mackes Schwierigkeiten mit dem politischen System?

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Macke hatte gehofft, dass Deutschland bald wieder vereinigt sein würde (so wie Österreich 1955) und gedacht, dass er die Zeit bis dahin durchhalten müsse. Aber 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut, und da schien Wiedervereinigung in weite Ferne gerückt.

1963, also mit 43 Jahren, hatte er ein Lebenswerk beendet und wollte sich auf die Forschung stürzen. Leider gab es nach der Berliner Mauer keinerlei Möglichkeiten mehr, zu internationalen Kongressen ins westliche Ausland zu reisen.

hp

Aber die Fertigstellung seiner Lehrbücher  musste Macke doch mit Befriedigung erfüllen?

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Ja, das schon, aber wie das so oft nach intensiver erfolgreicher Arbeit ist, kommt dann die Leere. Außerdem: die bei der Berufung vertraglich festgelegte Zusicherung, jederzeit frei reisen und die westdeutsche Staatsbürgerschaft behalten zu können, wurde kommentarlos gestrichen. Das führte zu einem Burnout, und Macke musste sich in ärztliche Behandlung begeben.

hp

Macke hatte ja eine schöne leitende Position, ein gut funktionierendes Institut, vermutlich auch ein entsprechendes Gehalt. Wie kam es dann, dass er das alles hinter sich lassen wollte?

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Als er geheilt an die Uni zurückkehrte und seine Meinung zu der DDR - Regierung öffentlich äußerte (z.B. mit Bemerkungen in der Vorlesung), begannen die Schikanen: Er wurde mit höflichen Dankschreiben aus einem öffentlichen Amt nach dem anderen entlassen. Aus seinem Institutsdirektorsposten wurde per Dekret ein Triumvirat, er musste ihn sich mit zwei weiteren Kollegen teilen. Das brachte das Fass zum Überlaufen: er ließ sich von einem Arzt Arbeitsunfähigkeit bescheinigen und beantragte eine Pensionierung krankheitshalber. Und die wurde gewährt. Ich verlor meinen Posten als Assistentin.
So saßen wir in unserem Ferienhäuschen und hatten nichts zu tun als in die Luft zu schauen. Da brachte uns ein Freund auf die Idee, um Ausreisegenehmigung anzusuchen.

hp

Ausreisegenehmigung  war ja für viele DDR-Bürger  ein unerfüllbarer Traum. Und Sie haben die Genehmigung tatsächlich erhalten?

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Ja, nach circa zweieinhalb Jahren Schweigen erreichte uns in unserem Sommerhaus ein Anruf: Für Euch liegen zwei Pässe mit Ausreisevisa bereit, ihr habt innerhalb sechs Wochen mit aller beweglichen Habe die Republik zu verlassen. Und das taten wir.

hp

Und wie gelang die Ausreise dann tatsächlich? Wie fühlten Sie sich beim Überschreiten der Grenze?

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Es war aufregend. Bis zum letzten Augenblick wussten wir nicht, ob wir wirklich hinausdürfen oder vielleicht an der Grenze verhaftet werden. Aber siehe da: wir durften wirklich in den Westen! Offenbar war das System froh, Macke loszuwerden.

hp

Danke für das Gespräch!