Laudatio für Brigitte Hamann, gehalten im Wiener Rathaus

am 22. 11. 2012

durch Dr. Gerald Stourzh, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Wien,

anlässlich der Verleihung des

Ehrenpreises des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln

 

Herr Stadtrat !

Herr Vorsitzender des Verlegerverbands und Herr Obmann des Fachverbandes der Buch- und Medienwirtschaft!

Liebe Freunde und liebe Familie Brigitte Hamanns !

Und vor allem: liebe Brigitte !

 

Zunächst möchte ich mich bei den Urhebern der heutigen Ehrung für Brigitte Hamann und auch bei Brigitte Hamann selbst dafür bedanken, dass ich heute die Freude und die Ehre habe, einiges zu Leben und Werk,  einiges zum Lebenswerk unserer Preisträgerin sagen zu dürfen. Schon vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit und das Vergnügen, öffentlich über Brigitte Hamann und ihr imposantes Oeuvre zu reflektieren, und ich werde mir erlauben,  einiges damals Gesagte in Erinnerung zu rufen, allerdings eben auch etliches noch Ungesagtes hinzuzufügen. Ich möchte zuerst über Brigitte Hamanns schriftstellerische Persönlichkeit sprechen und dann einiges zu ihren Werken sagen, zumindest zu jenen, die mir aus verschiedenen Gründen besonders am Herzen liegen.

Angesichts des an Qualität aber eben auch an Quantität herausragenden Werkes von Brigitte Hamann, das in selten gelungener Weise wissenschaftliche Rigorosität mit publikumsfreundlicher Lesbarkeit vereint, habe ich mir nicht erst heute die Frage gestellt, welche Faktoren, welche Ingredienzien, welche Eigenschaften mitgewirkt haben, um aus Brigitte Hamann eine der erfolgreichsten Historikerinnen des deutschen Sprachraums zu machen. Ich versuche, eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wie macht das die Hamann?“ – wie hat sie das geschaffen, schaffen können, was heute als großes und ausgereiftes Lebenswerk vor uns liegt ? -  und ich habe dazu ein Paket, ein „Packerl“ von acht „Ingredienzien“, von acht Eigenschaften zusammengestellt, das uns vielleicht hilft, jene „Frau mit Eigenschaften“  (im Unterschied zu Musils Mann ohne Eigenschaften) zu begreifen, die Brigitte Hamann heißt.

Welche Talente, welche Begabungen, welche Optionen, welche Entwicklungen waren hier im Spiel ?  Ich konzentriere mich aus dem heutigen Anlass auf ihr schriftstellerisches Werk, will aber doch an ihre zahlreichen Vorträgen und Fernsehdiskussionen im In- und Ausland, in Europa und in Amerika, erinnern. Einen besonders schönen Festvortrag Brigitte Hamanns hörte ich 1979 über Anton Gindely, den Geschichtslehrer des Kronprinzen Rudolf, ein Gelehrter nach Hamanns Geschmack, ein Mann aus einfachsten Verhältnissen, der Vater ein deutschungarischer Tischler, die Mutter ein  tschechische Stubenmädchen aus Prag. Gindely bracht es zum Universitätsprofessor in Prag brachte und eben zum Lehrer des Kronprinzen. Als bewusster Altösterreicher wurde er  nach der Teilung der Prager Universität in eine deutsche und eine tschechische buchstäblich zwischen den deutschen und tschechischen Nationalismen  zerrieben. Hamanns Gindely-Vortrag ist übrigens in einem von Erhard Busek und mir herausgegebenen Buch 1990 im Cornides-Verlag erschienen..

Was sind also die Antriebskräfte einer außerordentlich kreativen und außerordentlich produktiven Frau und Schriftstellerin namens Brigitte Hamann ?

            Da ist, erstens, hohe Intelligenz, unbestreitbar und unbestritten – demonstriert an der zielbewussten Auswahl ihrer Themen und am Format ihrer Werke, an der klaren Scheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem.  

Da ist, zweitens, ein starker Wille, und da ist immer auch eine Portion Ehrgeiz dabei. Brigitte Hamann hat einmal in einem Interview davon erzählt,  wie es nach den Jahren des Studiums an der Wiener Uni, unter anderem bei ihrem späteren Mann Günter Hamann, dessen Vorlesungen sie „großartig“ fand , „weil er völlig frei, mit unglaublichem Wissen und großer Begeisterung vorgetragen hat.“,  wie es nach der Heirat und nach der Geburt der drei Kinder zur Krise kam. „Ich saß vor der Waschmaschine im Keller, heulte wie ein Schlosshund und dachte, ich kann nicht mehr.“ Doch in der Verzweiflung kam der Entschuss: „Ich hatte nur eine Chance, und die war, zu Hause zu arbeiten“. Und sie begann, „am Küchentisch“,  wie es in dem Interview heißt, mit den Arbeiten für ihre Dissertation über den Kronprinzen Rudolf. Sie arbeitete fünf Jahre am Rudolf-Werk, als 33- bis 38-jährige Mutter von drei Kindern, die bei Beginn ihrer Forschungen 7, 5 und 1 Jahr alt waren, bei Publikation der Dissertation als Buch 12, 10 und 6 Jahre. Zum Rudolf-Buch werde ich später noch etwas zu sagen haben.

Intelligenz und Wille sind aber nicht genug für diese Leistung und alle, die folgen sollten.  Dazu gehört, als drittes Ingrediens, strikte Disziplin, gepaart mit einer vierten Eigenschaft, einem unglaublichen Fleiß. Ohne diese Disziplin, ohne diesen Fleiß ist der Umfang Ihres Gesamtwerks überhaupt nicht denkbar.

Aber die bisher genannten Eigenschaften hohe Intelligenz, starker Wille, strikte Disziplin, großer Fleiß würden nie ausreichen, das zu schaffen, was Brigitte Hamann geschaffen hat, wäre da nicht ein fünftes Ingrediens gewesen – nämlich die Freude – eine doppelte Freude: zuerst die Freude an der Recherche, - nicht umsonst hat ja Brigitte Hamanns Karriere im Journalismus begonnen -, die Entdeckerfreude, unbekannte neue Quellen zu finden, und dann die Freude am Schreiben, die Freude am Ausdruck, die Freude des Erzählens, die Freude an der Darstellung. - Diese doppelte Freude ist es, die wie ein inneres Feuer alles andere erwärmt und erleuchtet. Die Freude am Herausfinden, am Entdecken, wenn sie methodisch exakt betrieben wird, ist die Freude des Wissenschaftlers und besonders auch des Historikers, der Historikerin. Die Freude am Darstellen und Erzählen führt in den Bereich der Kunst – denn Darstellung, auch wenn sie in der Geschichtsschreibung den Bezug zu realen Personen und Vorgängen nicht verlieren darf, ist eine Kunst, und Brigitte Hamann ist eine große Darstellerin. 

Brigitte Hamann hat sich früh entschieden, und das ist vielleicht ein sechstes Ingrediens, ihre schriftstellerische Begabung mit der Erforschung und Darstellung von Persönlichkeiten zu verbinden, die über die Fachkollegenschaft hinaus das Interesse eines größeren Publikums anziehen würden. Ihr Wunsch, ein großes Publikum zu erreichen,  ist in Erfüllung gegangen. Sie hat, als sie über den Kronprinzen Rudolf zu arbeiten begann und in der Folge weitere  Biographien, zunächst die Elisabeth, in Angriff nahm, eine methodische und inhaltliche Richtung gewählt, die damals, in den Siebziger und Achtziger Jahren, als „out“ galt. Inzwischen sind Biographien schon lange wieder „in“. Aber Brigitte Hamann hat mit ihrem Wagnis, bedeutende oder berühmte und in der Geschichtsschreibung schon mehrfach behandelte Persönlichkeiten zum Thema vieler ihrer Bücher zu machen, auch ein weiteres, siebentes Ingrediens ihrer schriftstellerischen Persönlichkeit unter Beweis gestellt: Mut und Selbstbewusstsein. - 

Ihre Entscheidung, für ein größeres Lesepublikum zu schreiben, hat sie ohne Preisgabe ihres schon in derDoktorarbeit bei Adam Wandruszka erfolgreich erprobten methodischen Rüstzeugs umgesetzt. Viel hat sie zuerst als Hörerin, dann in der Mitarbeit mit ihrem Mann Günter Hamann gelernt. Ich möchte kurz dieses bedeutenden Entdeckungs- und Wissenschaftshistorikers gedenken, der auch einer der großen Charakterdarsteller unter den österreichischen Historikern war. Ich habe ihn einmal als „Rembrandt unter den Historikern“ bezeichnet. Wer Günter Hamann über Columbus oder über Galilei oder über Jan de Witt vortragen hörte, wird das nie vergessen. 

            Im Fortschreiten von Brigitte Hamanns Entwicklung als Historikerin ist noch ein weiteres, also achtes, Ingrediens hinzugekommen: ihre Motivation, ihre Begeisterung und  Begabung zur pädagogischen Vermittlung. Das zeigt sich in ihrer kindergerecht – für ihren damals dreizehnjährigen Sohn – geschriebenen Biographie Maria Theresias von 1985, in dem Jugendbuch über Mozart „Nichts als Musik im Kopf“. Das zeigt sich aber auch in der zunehmend häufigeren Kombination von Schrift- und Bildquellen in späteren Werken, etwa in dem „ganz anderen Buch“ über den Ersten Weltkrieg von 2004 oder in dem späteren Mozart-Buch von 2006, auch im jüngsten großen Buch von 2008 über „Hitlers Edeljuden“,  den Linzer Armenarzt Dr. Eduard Bloch mit 160 Abbildungen.

            Meine Damen und Herren, ich kann unmöglich alle Werke Brigitte Hamanns aufzählen. Ein Knopfdruck auf Wikipedia genügt, um Ihnen diese Information zu geben, und die Presseaussendung zur heutigen Preisverleihung hat viele Werke genannt. Es gibt natürlich einige „Leuchttürme“ in Hamanns Werk, deren Bedeutung und Beliebtheit sich auch in der Zahl von Neuauflagen und Übersetzungen wiederspiegelt,  Übersetzungen,  die ja bis ins Japanische und Chinesischer und ins Koreanische gehen. Aber das wissen die Damen und Herren vom Verlags- und Buchhandelswesen genauer als ich. Als solche  Leuchttürme sehe ich den Rudolf, die Elisabeth, Bertha von Suttner, Hitlers Wien und Hitlers Bayreuth. Es ist immer riskant, subjektive Wertungen abzugeben, ich riskiere es trotzdem und sage, dass ich Hitlers Wien für Hamanns wichtigstes Buch halte. Ich glaube, dass mit diesem Buch von 1996 unbeschadet der großen Leistungen des Rudolf, der Elisabeth und der Bertha von Suttner, Brigitte Hamann ein Durchbruch zu neuen Ufern ihrer historischen Darstellung gelungen ist. Die gegenseitige Durchdringung von Persönlichkeit und Lebenswelt ist von ganz enormer Dichte und stellt eine neue Dimension in Brigitte Hamanns Werk dar,  die sich auch in späteren Werken, etwa dem Bayreuth-Buch von 2002 oder dem Weltkriegsbuch von 2004 oder dem Eduard Bloch-Buch von 2008 zeigen wird.. 

Es gibt zwei überragende Bücher über Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Schorskes Wien-Buch und Hamanns Wien-Buch. Natürlich sind es zwei verschiedene Städte, die uns da vermittelt werden, Schorskes Wien der Hochkultur in einer Phase explosiver Innovation, und Hamanns bzw. Hitlers Wien als Stadt vieler „kleinen Leute“ – nicht aller „kleinen Leute“, denn ein großes Werk über die Sozialdemokratie nach der Jahrhundertwende steht noch aus - aber vieler Abstiegsgefährdeten oder Abstiegsbetroffenen, auch aus anderen Gründen ressentiment-geladener oder fanatisierter Menschen, die Genugtuung allein darin fanden, sich für „besser“ als Tschechen und Juden zu halten, und die Trost und Halt bei jenen Rassentheoretikern und Welterklärern, auch bei jenen politischen Leitbildern suchten, die Brigitte Hamann so eingehend vorgestellt hat.

            Neben den „Leuchttürmen“ möchte ich  aus dem großen Oeuvre noch ein paar Titel herausgreifen.  Da ist Brigitte Hamann 2009 das Kunststück gelungen,  in knappe 191 Seiten ein „Historisches Portrait“ Österreichs von den Babenbergern bis Kreisky hineinzuzaubern,  für die von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker herausgegebene Reihe „Deutschland und seine Nachbarn“. Auch wenn ich im zeitgeschichtlichen Bereich in zwei oder drei Punkten Hamanns Ansicht nicht teile,  ist es doch ein sehr lesenswertes Büchlein, mit merkwürdigen Details,  etwa dass der sechsjährige  Mozart am 13. Oktober 1762 die Kaiserin Maria Theresia abgebusserlt hat oder dass Kaiser Joseph bei einem Besuch in Paris seinem Schwager Ludwig XVI. wichtige medizinische Ratschläge gab. Es enthält ein wunderbares Kapitelchen über Kronprinz Rudolf, aber auf Rudolf komme ich zum Schluss zu sprechen.

            Ich möchte auf das von Brigitte Hamann herausgegebene Habsburger-Lexikon von 1988 aufmerksam machen, viel- vielmals konsultiert  und von keiner Wikipedia zu schlagen. Ich möchte auch auf ein besonderes Kleinod hinweisen,  das „poetische Tagebuch der Kaiserin Elisabeth“, das Brigitte Hamann sorgfältigst ediert und kommentiert hat und das 1984 von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in deren Reihe Fontes Rerum Austriacarum herausgebracht wurde. Es handelt sich um  Gedichte der Kaiserin,  die sie für die Nachwelt aufbewahren wollte und unter einigen Umwegen der schließlichen Obhut des Präsidenten der schweizerischen Eidgenossenschaft anvertraute. Die abenteuerlichen Wege dieser Texte bis zur Übergabe an den schweizerischen Bundespräsidenten 1951 bzw. 1953 hat Brigitte Hamann spannend beschrieben. Elisabeth hatte bestimmt, dass diese Gedichte erst 60 Jahre ab 1890,  also 1950, geöffnet und zur Publikation freigegeben werden sollten. Der Ertrag sollte politisch Verurteilten und deren hilfsbedürftigen Angehörigen zugute kommen,  denn ,  wie sie 1890 schrieb, in 60 Jahren werden so wenig wie heute Glück und Friede, das heißt Freiheit auf unserem kleinen Sterne heimisch sein“. Diesem  Wunsch der Kaiserin wurde 90 Jahre später, also 1980 in der Weise stattgegeben, dass der allfällige Ertrag von Brigitte Hamanns Edition aufgrund eines Übereinkommens zwischen dem Schweizerischen Bundesrat  und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften dem Flüchtlings-Hilfsfonds des UN-Hochkommissariats für Flüchtlingshilfe überwiesen werden sollte.

            Damit sind wir dem Namen und der Botschaft  des heutigen Ehrenpreises, nämlich „für Toleranz in Denken und Handeln“, schon sehr nahe gekommen. Wie sehr der Einsatz für „Toleranz in Denken und Handeln“ dem Ethos Brigitte Hamanns entspricht,  ist in vielen Ihrer Wortmeldungen und Ihrer Bücher zum Ausdruck gekommen.  Ich nenne aber besonders ihr Buch über Bertha von Suttner, die große  Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin, und  mein Lieblingsbuch, ihren Rudolf von 1978,  ein Buch,  das bald auf 5 Auflagen kam und das Brigitte Hamann 27 Jahre nach der Erstpublikation 2005 neue herausbrachte. Ihre Rudolf-Biographie und der dazugehörige Begleitband, Rudolfs „Private und politische Schriften“,  in drei Auflagen erschienen, sind jene Werke, in denen Brigitte Hamann Rudolfs liberale Utopie einer habsburgischen Monarchie gleichberechtigter Völker und gleichberechtigter Menschen herausarbeitet oder,wie ich es einmal formuliert habe, „sich von der Seele geschrieben hat“. Aber Rudolfs Denken reichte ja über den Bereich der alten Monarchie weit hinaus. In einer Denkschrift von 1886 hat Rudolf  - ich zitiere – „die große Verbindung aller echt liberal-fortschrittlich und republikanisch fühlenden Menschen“ – Zitat Ende – beschworen,  eine Verbindung all jener Menschen,  und ich zitiere erneut,  „die mehr oder weniger Kosmopoliten sind und die, auf der ganzen Welt zerstreut lebend, doch einem und demselben Orden der Ritter vom Geiste angehören“. Diesem Orden vom Geiste der liberal-fortschrittlich und republikanisch fühlenden Menschen gehörte Rudolf an – aber ebenso gehört ihm unsere Brigitte Hamann an, und ein Ehrenpreis für Toleranz im Denken und Handeln  ist die angemessene Ehrung für diese große Schriftstellerin und Humanistin.

            Meine Damen und Herren,  ich danke Ihnen sehr, und Dir, Brigitte, gratuliere ich von Herzen.  

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